|
Vielseitigkeit Mannschafts- und Einzelwertung |
|
Hongkong/HKG (fn-press). „Wir sind die goldenen Reiter“ die Reiter sangen es nicht nur, sie setzten es auch in die Tat um. Was alle gehofft hatten, wurde in der asiatischen Olympiametropole Hongkong Wahrheit: Die deutsche Vielseitigkeitsequipe holte sich die Goldmedaille und dieses Mal eine zum Behalten! Und dann war da noch das „i-Tüpfelchen auf dem i-Tüpfelchen auf dem i-Tüpfelchen auf dem Sahnehäubchen“ die Goldmedaille in der Einzelwertung für Hinrich Romeike und Marius!
Vier Jahre lang hatten sich die Vielseitigkeitsreiter wie keine anderen auf ihren Auftritt in Hongkong vorbereitet. So weit es ging, wurde nichts dem Zufall überlassen. Spezialtraining in den Disziplinen Dressur, Geländereiten, Springen, Fitnesstraining, mentales Training die Buschreiter ließen nichts aus, was auf dem Weg nach Hongkong Erfolg versprach. Akribisch wurden die Erkenntnisse aus dem Testevent ein Jahr vor den Spielen ausgewertet und in die Vorbereitungen einbezogen. „Ich glaube, wir waren die am besten vorbereitete Mannschaft am Start“, sagte Bundestrainer Hans Melzer (Putensen). Der Lohn der Mühen: Mannschaftsgold, Einzelgold, fünf fitte Pferde und fünf müde, aber überglückliche Reiter! Bereits in der Dressur trumpften die Deutschen auf. Zwar mussten sich Peter Thomsen (Lindewitt) mit The Ghost of Hamish, Frank Ostholt (Warendorf) mit Mr. Medicott, Andreas Dibowski (Egestorf) mit Butts Leon, Ingrid Klimke (Münster) mit Abraxxas und Hinrich Romeike (Nübbel) mit Marius am Anfang noch hinter den Australiern einsortieren, doch der Grundstein war gelegt. Auf dem Gelände des Golfclubs Beas River setzte das Quintett dann zum Überholen an, allen voran Hinrich Romeike. Er absolvierte als dritter Reiter der deutschen Equipe den Geländekurs und brillierte mit einer souveränen Nullrunde in einer herausragenden Zeit. Schneller als das Holsteiner Paar waren nur der Australier Shane Rose mit All Luck und der Brite William Fox-Pitt mit Edmore Park, um dessen generelle Starterlaubnis die Richter noch in der Verfassungsprüfung mehrere Minuten lang diskutiert hatten. Innerhalb der erlaubten Zeit, die im Vorfeld von ursprünglich zehn auf acht Minuten verkürzt worden war, blieb auf der Strecke aber keiner. „Das war unser bisher schwerster Kurs“, sagte Romeike. „Es wurde ja im Vorfeld kritisiert, der Kurs sei zu leicht. Meines Erachtens hat der Kursdesigner (Michael Etherington-Smith) hier einen tollen Job gemacht, alles super berechnet.“ Mit 12,8 Punkten für Zeitüberschreitung übernahm „Hinni“ mit 50,2 Minuspunkten die Führung in der Einzelwertung. „Als Belohnung erwarten den Schimmel Wurzeln, Rübenschnitzel und Hafer. Zucker gibt's nur zwei Mal im Jahr, der ist schlecht für die Zähne“, verriet der Zahnarzt augenzwinkernd. Denkbar knappe 0,5 Minuspunkte trennten Romeike nach dem Geländeritt von seiner Teamkollegin Ingrid Klimke, die nach der Dressur mit 33,5 Minuspunkten noch auf Platz drei gelegen hatte. Auch sie war fehlerfrei ins Ziel gekommen, hatte jedoch auf Empfehlung der Bundestrainer („Chris Bartle hat mir tief in Augen geschaut und mir dann geraten, alternativ zu reiten“) an der vorletzten Hinderniskombination, den Pagoden, die längere Alternative gewählt. „Die Pferde wurden zum Ende hin ziemlich ‚lang’“, erklärte Klimke, daher wurde die Heckenkombination, die noch einmal alle Konzentration von Pferd und Reiter forderte, „zu einem Risiko“. Das hatte bereits der erste deutsche Starter, Peter Thomsen zu spüren bekommen, der nach einer bis dahin einwandfreien Runde 20 Strafpunkte für einen Vorbeiläufer von The Ghost of Hamish am Aussprung kassierte. „Das ist zwar ärgerlich für mich, aber ich glaube, dass meine Teamkollegen aus meinen Erfahrungen lernen konnten“, so Thomsen. Und tatsächlich gelang es dem deutschen Team dank der Leistungen von Hinrich Romeike und Ingrid Klimke, der guten Vorarbeit von Frank Ostholt und des souveränen Abschlusses durch Andreas Dibowski, die beide ebenfalls fehlerfrei durchs Gelände gekommen waren, sich im Gelände an den bis führenden Australiern vorbei an die Spitze zu setzen. In der Mannschaftswertung aufholen konnten auch die Briten. Dank gewohnt souveräner Geländeleistungen verdrängten sie die US-Amerikaner aus den Medaillenrängen. Deren erste Starterin Amy Tryon gehörte zu den insgesamt acht von 68 Startern, die den Geländekurs nicht beendeten. Sie war am „Vogelkäfig“, Hindernis sechs, von ihrem Pferd Poggio gefallen und damit gemäß der jüngsten Änderung im Reglement disqualifiziert worden. Seit 1. August führt in internationalen Prüfungen nicht nur der Sturz eines Pferdes, sondern auch der eines Reiters zum sofortigen Ausschluss. Damit nicht genug kassierte die nach Dressur beste Amerikanerin Rebecca Holder mit Courageous Comet 60 Strafpunkte und auch Karen O’Connor kam mit Mandiba mit 40 zusätzlichen Strafpunkten nicht ungeschoren davon, so dass die Amerikaner vor dem Springen auf den siebten Rang zurückfielen. Noch übler als den Amerikanern erging es allerdings den Franzosen, die auch beim Geländeritt nicht vom Pech verschont blieben. So hatten die Titelverteidiger schon vor der ersten Verfassungsprüfung auf Jean Teulere und Esprit de la Mare und vor der Dressur auf Europameister Nicolas Touzaint und seinen Schimmel Galan de Sauvagère verzichten müssen. Im Gelände stürzte dann auch noch Schlussreiter Jean Renaud Adde, worauf das Team auf den elfen und letzten Platz der Mannschaftswertung zurückfiel. Trotz der guten Ausgangsposition der deutschen Mannschaft hieß es am letzten Wettkampftag noch einmal kräftig Daumen drücken, sowohl auf den den Tribünen, als auch an den Fernsehbildschirmen zuhause. Denn beim letzten Mannschaftsspringen fielen sowohl bei Peter Thomsen, als zuletzt auch bei Ingrid Klimke und Hinrich Romeike einmal die Stangen. Glücklicherweise hatten aber auch deren engste Verfolger wie beispielsweise die Australierin Megan Jones mit Irish Jester oder ihr Landsmann, Vize-Weltmeister Clayton Fredericks mit Ben Along Time, gepatzt, so dass schon vor Romeikes Start feststand: Deutschland ist Mannschafts-Olympiasieger dieses Mal ohne Wenn und Aber. Bevor die frisch gebackenen Olympioniken dies aber so richtig realisieren konnten, galt es schon, sich aufs nächste Springen vorzubereiten. Zu diesem zweiten Springen einer Spezialität der Olympischen Spiele, bei denen keine zwei Medaillen für dieselbe Leistung vergeben werden sind jedoch nur die besten drei Reiter einer Nation zugelassen. Um den dritten deutschen Startplatz bewarben sich in Hongkong Andreas Dibowski und Frank Ostholt, die nach Dressur und Gelände Kopf-an-Kopf lagen. Im Mannschaftsspringen hatte Ostholt mit einer Nullrunde vorgelegt, „Dibo“ war nachgezogen und mit einem denkbar knappen Vorsprung von nur 0,6 Minuspunkten vor seinem Teamkollegen eine Runde weiter. „Natürlich freue ich mich jetzt über meine Mannschaftsgoldmedaille. Aber gleichzeitig bin ich enttäuscht, nicht am Einzelspringen teilnehmen zu dürfen. Vor allem, weil mein Pferd ein ganz sicherer Springer ist“, sagte Ostholt, der sich als Achtplatzierter nach Dressur, Geländeritt und erstem Springen durchaus gute Chance auf eine Einzelmedaille ausgerechnet hatte. Doch dazu kam es nicht: Ostholt war zum Zuschauen verurteilt, als zunächst Andreas Dibowski mit Butts Leon zwei Abwürfe kassierte und damit Platz acht in der Einzelwertung belegte. Auch Ingrid Klimke war an diesem Tag keine zweite Medaille vergönnt. Ein Abwurf und Zeitfehler genügten, um sie vom zweiten auf Platz fünf zurückfallen lassen. Ähnlich erging es der frisch gebackenen Mannschaftssilbermedaillengewinnerin Megan Jones aus Australien, die mit einem Abwurf auf Platz vier zurückfiel. Die beiden Reiterinnen machten Platz für die US-Amerikanerin Gina Miles mit McKinlaigh und Kristina Cook (Großbritannien), die mit zwei fehlerfreien Springen in die Medaillenränge aufrückten. So ruhten am Ende alle Medaillen-Hoffnungen der deutschen Fans auf dem letzten Starterpaar, Hinrich Romeike und Marius. Sie machten mit einer Nullrunde wahr, wovon kaum einer zu träumen gewagt hätte: Gold in der Einzelwertung! „Ich kann noch es gar nicht fassen“, sagte der frisch gebackene Olympiasieger zwischen Lachen und Weinen. „Ich habe nach der Aberkennung der Goldmedaille in Athen 2004 ja immer wieder erklärt, dass da noch immer eine Medaille herumliegt, die darauf wartet, abgeholt zu werden. Aber ich wusste ja nicht, dass da noch eine zweite ist!“, sagte Hinrich Romeike. Hb |