Luhmühlen. Trotz der fehlenden internationalen Stars - mit Ausnahme von Olympiasieger und dem Gewinner des CCI*** Andrew Hoy (Australien) - war die einzige lange Dreisterneprüfung in Deutschland der bisherige Saisonhöhepunkt.
Vielseitigkeitsreiten.de hat bereits aktuell über das Ereignis berichtet und möchte nun noch weitere Informationen und Ausführliches zum Geländetag sowie zur Nominierung der WM-Reiter nachreichen.
Geländeritt: Bereits nach den ersten Besichtigungen sorgte die 5.700m lange Geländestrecke mit ihren 24 Hindernissen und 40 Sprüngen für viel Gesprächsstoff unter den Reitern, Trainern und Vielseitigkeitsanhängern.
Auf Wunsch von Bundestrainer Hans Melzer hatte Parcourschef Burkhard Beck-Broichsitter insgesamt drei Wasserkombinationen, von denen der Milford-Teich eine der Schlüsselstellen werden sollte, in den Kurs aufgenommen. Diese Hinderniskomplexe werden auch im Geländekurs der Weltmeisterschaft in Jerez de la Frontera eine entscheidende Rolle spielen.
Nach einem freundlichen Auftakt mit 3 "leichteren" Sprüngen, die den Pferden eine gute Möglichkeit gaben, in ihren Rhythmus zu kommen, wartete mit der Kombination "Heidjer" an Sprung 4 die erste Klippe, die aber mit Ausnahme einer russischen Reiterin keinem Paar Probleme bereitete. Danach gab es für Reiter und Pferde kaum noch Zeit zur Erholung. Eine Schwierigkeit nach der anderen und nur wenige "Füllsprünge" verlangten absolute Fitness, Mut und Rittigkeit von den Vierbeinern.
Während am ersten Wasserkomplex - der Madaus Enteninsel (Hindernis 6) - nur der Österreicher Wolfgang Kulterer stürzte, bereiteten "Michaelis Wasserspiele" (Hindernis 8) schon wesentlich mehr Reitern Probleme. Sowohl beim Ein- als auch am Aussprung auf direktem Weg gab es Verweigerungen. Für Carola Bierlein und Musse Pigg war hier die Reise leider schon beendet. An der Hindernisfolge 10 a-c mit Coffin über Wassergraben und anschließender Ecke schieden zwei russische und eine spanische Teilnehmerin aus und der Franzose Pascal Leroy kassierte gleich drei Verweigerungen.
Milford-Teich trennte Spreu vom Weizen
Nach dem Holsten Jump - einer mächtigen Triple-Barre - ging es dann zum Milford-Teich, dem wohl technisch anspruchsvollsten Hinderniskomplex mit 5 Sprüngen auf direkter Linie (Hindernisse 12 a-c,13+14) . In seiner Parcoursbeschreibung hatte Burkhard Beck-Broichsitter dazu folgendes gesagt: "Der Milford-Teich wird diesmal eingeleitet durch ein leicht nach außen gebogenes Element (12 a), welches rechts und links mit einer minimal angewölbten Bürste ausgestattet ist. Danach geht es mit zwei nach vorne orientierten Galoppsprüngen auf gebogener Rechts- oder Linkslinie zu dem sogenannten Pömpel (12 b), der ein sehr akkurates und energisches Reiten abverlangt, da dieser vor dem Wasser aufgestellt ist. Die Problematik des Anreitens ist im engen Zusammenhang mit dem Steg im Wasser (12 c), der auf links offen gebaut ist, zu sehen. Nach Überwinden von 12 c geht es dann auf gerader Linie über eine Anhöhe über das Milford-M (13), welches energisches Abfußen und korrekte Balanceführung bzw. - haltung abfragt. Danach geht es leicht bergab und wieder aus der Ebene über die Milford-Ecke (14), die als Grabenecke rechts eine Ausmuldung, die mit Wasser ausgefüllt ist, darstellt und als leicht rechts offen erstelltes Hindernis eine erneute Abfragung des akkuraten Reitens erfordert". Im Verweigerungsfalle gab es für die Sprünge 12 b und c eine Alternative auf der rechten Seite.
Fünf Paare, darunter Marina Köhncke/ Sir Toby und Jelte Catharina Timm/Chico, gaben an diesem Komplex auf. Jasmin Lebert und die Schwedin Viktoria Carlerbäck setzten den Ritt trotz ihrer Stürze fort. Sechs weitere Teilnehmer- darunter Bettina Hoy/Woodsides Ashby , Andreas Dibowski/Little Lemon B und Adam Liedermann/Rainbow - mussten eine Verweigerung in Kauf nehmen. Während sowohl Woodsides Ashby als auch Little Lemon B mit der Distanz von 12 a nach 12 b Probleme hatten, lief Rainbow, der mit großer Geschwindigkeit über 12 b ins Wasser hineinsprang, an 12 c vorbei. Elmar Lesch, der Yakumo's Heiner souverän über 12 und 13 gesteuert hatte, kassierte als einziger an Sprung 14 zwanzig Strafpunkte, weil sein Pferd den Sprung rechts neben dem ausgeflaggten Hindernis überwand.
Es gab an diesem Komplex aber auch ganz hervorragende Bilder. Dabei wurde auch deutlich, dass z.B. die Distanz zwischen 12 a und b sowohl mit zwei als auch drei Galoppsprüngen bewältigt werden konnte , ganz abhängig vom jeweiligen Pferd. Viel Beifall erhielten unter anderem Andrew Hoy/Moon Fleet, Andreas Dibowski/Serve Well, Bettina Hoy/Ringwood Cockatoo, Clemens Hayessen/Fly by Night, Andreas Ostholt/Lady Lemon, Kai Rüder/Butscher und Herbert Blöcker/MoilCom Chicoletto.
Wellenbahn sorgte für einige Probleme
Die zweite ganz große Klippe folgte nur zwei Hindernisse später - mit der Wellenbahn, die diesmal mit einem Einsprung über einen mächtigen Baumstamm (16 a), der dann auf In-Out als Absprung (16 b) auf eine Kanzel führte, die wiederum mit einem Tiefsprung (16 c) verlassen werden musste. Als besondere Klippe erwies sich dann das Element 16 d, welches auf leicht nach rechts gebogener Linie mit zwei Galoppsprüngen über ein dreiecksmäßig schmales Doppelbusch-Hürdenelement führte. Hier schieden zwei Paare aus und acht weitere Teilnehmer hatten eine Verweigerung, darunter der ansonsten sehr gut aussehende Dusty Ches unter Dr. Bettina Hörich, die nach dem Tiefsprung die Zügel verlor und ihr Pferd nicht mehr optimal an den Sprung heranbringen konnte.
An den weiteren Klippen der Cross-Strecke gab es dagegen nur noch zwei Verweigerungen und einen Sturz des Spanierin Maria Botin an Sprung 18. An der vorher mit viel Skepsis betrachteten Kombination mit den beiden Doppelgräben (20a/b) passierte überhaupt nichts.
Insgesamt bewältigten zwar 19 Paare die Strecke fehlerfrei, doch nur Andrew Hoy gelang das Kunststück mit Moon Fleet, die Strecke genau in der vorgeschriebenen Zeit von 10 Minuten zu absolvieren. Übertroffen wurden beide aber noch vom 28jährigen Clemens Hayessen, der mit dem 11jährigen Iren Fly by Night in 9:53 Minuten ins Ziel kam und dabei bewies, dass der Wallach auch Qualitäten für einen Viersternekurs hat. Für die diesjährige WM wird das Pferd von seinem Besitzer jedoch nicht zur Verfügung gestellt.
Stimmen zum Gelände
Wie schwer die Strecke war, belegte der Kommentar von Andrew Hoy: "Für mich war dieser Kurs der bisher anspruchsvollste Dreisterne-Cross dieser Saison. Ein Kompliment an Burkhard Beck-Broichsitter, der es verstanden hat, eine sehr anspruchsvolle, aber stets faire Strecke zu bauen. Obwohl es für Moon Fleet die erste lange CCI***-Prüfung war, hatte ich stets ein tolles Gefühl".
Andreas Dibowski, der mit der erst 8jährigen Serve Well ebenfalls eine hervorragende Runde absolviert hatte, war ebenfalls zufrieden: "Sicher gab es viele Schwierigkeiten in Folge und ich hußen und korrekte Balanceführuätte mir etwas mehr Füllsprünge gewünscht, doch insgesamt war dieser Kurs ein echter Test für die WM".
Knapp 10.000 Zuschauer verfolgten den Geländeritt und bekamen hervorragenden Sport geboten. Alle Stürze verliefen erfreulicherweise glimpflich ab und es gab weder bei Pferden und Reitern ernsthafte Blessuren. Bundestrainer Hans Melzer erklärte:"Die heutigen Ergebnisse haben uns in den Gedanken in Richtung WM-Nominierungen bestätigt. Mein Kompliment an Burkhard Beck-Broichsitter. Ich bin vor allen Dingen auch sehr erfreut über die tollen Ritte der jungen Reiter Andreas Ostholt und Ann-Kathrin Franzky".
Schließlich zeigte sich der Parcourschef ebenfalls zufrieden: " In erster Linie freue ich mich, dass nichts ernsthaftes passiert ist. Einige Reiter haben die gestellten Abfragen nicht richtig eingeschätzt, andere haben das hervorragend gelöst. Dass nur zwei Reiter in der Bestzeit ins Ziel kamen, lag sicher an dem teilweise tiefen Geläuf im Schlussteil der Strecke, wo wir nach den starken Regenfällen in den Vortagen noch Sand aufgeschüttet haben".
Wie bereits berichtet, fiel die Vorentscheidung um die Deutsche Meisterschaft leider schon vor dem abschließenden Springen, da Andreas Dibowski in der parallel stattfindenden CIC**-Prüfung nach einem Sturz eine Schulterverletzung erlitt und somit gar nicht mehr antreten konnte. Allerdings hätte er die neue Deutsche Meisterin - Bettina Hoy/Ringwood Cockatoo - selbst mit einer Nullrunde nicht mehr von der Spitze verdrängen können, da sich die nervenstarke Europameisterin des Jahres 1997 mit dem irischen Schimmelwallach, den sie erst vor wenigen Wochen von Ehemann Andrew übernommen hat, keinen Abwurf leistete. "Zwischen Cockatoo und mir stimmte die Chemie von Beginn an. Vielleicht liegt es daran, dass er vor Andrew auch von einer Frau geritten wurde und ihm kommt meine - typisch deutsche - Reitweise entgegen. Ich habe immerhin 20 Jahre auf den Meistertitel gewartet und danke Andrew, dass ich Cockatoo reiten durfte" strahlte Bettina Hoy zu recht bei der abschließenden Pressekonferenz.
WM-Nomierungen:
Nach der Bekanntgabe der Longlist begründete Bundestrainer Hans Melzer die Nominierungen: "Andreas Dibowski hat mit seinem 4. Platz in Badminton seine Ausnahmestellung unter Beweis gestellt. Ginger wird voraussichtlich erste Wahl sein, doch er hat mit Leonas Dancer, Little Lemon B und Herakles drei weitere Pferde qualifiziert. Die bisherigen Vorstellungen von Inken Johannsen/Brilliante in den Kurzprüfungen waren überzeugend und die Stute ist wieder in sehr guter Verfassung. Bettina Hoy ist mit ihren drei Pferden Unsung Hero, Ringwood Cockatoo und Woodsides Ashby ebenfalls eine ganz wichtige Stütze unseres Teams und aufgrund ihrer Erfahrung ein wichtiges Teammitglied. Diese drei haben wir gemeinsam auf Position eins gesetzt. Ebenso wurden die drei übrigen Reiter zusammen auf Rang vier nominiert. Kai Rüder und Butscher haben sich in der Dressur stetig verbessert und im Gelände sowie Springen haben sich beide sowohl in Bonn als auch hier ganz hervorragend präsentiert. Für Frank Ostholt und Eos haben wir uns entschieden, weil sie in der Dressur und im Springen immer vorne mitmischen können. Obwohl die Stute mit wenig Blutanteil nicht unbedingt der Vorstellung eines Vielseitigkeitspferdes entspricht, hat sie ihr großes Kämpferherz in Saumur gezeigt und mit entsprechendem Training wird sie auch die konditionellen Grundlagen für die Viersterneprüfung bekommen. Dazu hat sich Frank reiterlich stetig weiterentwickelt. Genau wie Kai Rüder haben uns Herbert Blöcker und MobilCom Chicoletto sowohl am Rodderberg als auch hier in Luhmühlen voll überzeugt. Über die reiterlichen Qualitäten von Herbert brauche ich wohl nichts zu sagen und sein Management ist hervorragend". (rl)
Bilder aus dem Gelände am Samstag